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Geschichte der Lymphologie

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Die weißen Gefäße
Schon die alten Griechen kannten die Lymphgefäße und sprachen von den „weißen“ Gefäßen im Gegensatz zu den „roten“ und „blauen“ Gefäßen des Blutkreislaufs. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts werden die Lymphgefäße „wiederentdeckt“.


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Bei der Vivisektion eines Hundes findet 1622 Aselli in Pavia bei der Eröffnung des Bauchraumes weißliche Gefäßstränge, aus denen beim Einschneiden eine milchige Flüssigkeit sickert. Er nahm an, daß die neu entdeckten Gefäße dem Transport des resorbierten Speisebreis vom Darm zur Leber dienten.

Schon wenige Jahre später gelang Pecquet (Paris) der Nachweis, dass die von Aselli entdeckten Gefäße nicht in der Leber mündeten, sondern in einer sackförmigen Erweiterung vor der Lendenwirbelsäule, cisterna Chyli genannt. (Im französischen wird diese Cisterna „Cisterna Pecquet“ genannt). Auch der weitere Verlauf der Lymphe durch den großen Milchbrustgang (ductus thoracicus) mit Einmündung desselben in den linken Venenwinkel wurde von Pecquet beschrieben. Damit war ihm als Erstem der Nachweis der Verbindung des lymphatischen Gefäßsystems mit dem Blutkreislauf gelungen.

 Die weiteren anatomischen Forschungen, auch unter Hinzuziehen des Mikroskops ergaben dann, daß praktisch alle Körperregionen von Lymphgefäßen durchsetzt sind um die anfallenden Gewebewasser dem Blutkreislauf zuzuführen.


Das 19. Jahrhundert widmet sich der Physiologie des Lymphgefäßsystems d.h. der Frage, wie die Lymphe eigentlich entsteht und wie sie transportiert wird. Schon bald wird klar, dass das LGS nicht nur ein Transportsystem darstellt, sondern unter anderem entscheidend  mitverantwortlich ist für  die Regelung des Wasserhaushalt, die Immunabwehr und das Herausfiltern von Problemsubstanzen aus dem Zwischenzellraum. Die Forschung des 20. Jahrhundert ist der Erforschung der verschiedenen Lymphödemursachen gewidmet. Schon rasch wird klar, dass beim primären (anlagebedingten) Lymphödem gelegentlich auch die Vererbung eine Rolle spielt. Mit der Sequenzanalyse des menschlichen Genoms ist auch der Zusammenhang zwischen einigen Fehlbildungs-syndromen des Lymphgefäßsystem und Gendefekten klar geworden. Aktuell widmet sich die medizinische Forschung der Entwicklung von genetischen Gefäßfaktoren, welche das Wachstum des LGS stimulieren können. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt in der Vermeidung von Lymphödemen durch schonendere Operationsverfahren und modernere Bestrahlungsverfahren bei notwendigen Lymphknotenentnahmen bei der Behandlung von Krebserkrankungen. So geht heute der Trend dahin: Weg von den standardisierten Totaloperationen hinzu dem individuellen, schonenden Eingriff.


Die Kenntnis der Ursachen von Erkrankungen ermöglicht auch die Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten. Die über Jahrzehnte gewonnene Erfahrung, dass weder eine medikamentöse noch eine chirurgische Therapie ein Lymphödem langfristig erfolgreich behandeln kann, verhalf den konservativen Behandlungsmaßnahmen zum Durchbruch.


Emil Vodder beschrieb in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine schonende, wirksame Behandlung von Ödemen, welche durch eine Steigerung der Lymphgefäßtätigkeit den Lymphtransport beschleunigt. J.Asdonk  führte die anschließende Kompressionsbandage in das Behandlungsschema ein, um die durch die manuelle Lymphdrainage erreichte Volumenminderung zu erhalten. Inzwischen hat sich diese sogenannte komplexe physikalische Entstauungstherapie als wirksamste Behandlung von Lymphödemen weltweit durchgesetzt.

In den letzten Jahren
 hat sich die Notwendigkeit zu lymphologischem Fachwissen in vielen medizinischen Disziplinen als unverzichtbarer Bestandteil einer adäquaten Patientenbetreuung erwiesen. Zu hoffen ist, dass diese Tatsache auch bald in die Ausbildungsrichtlinien unserer jungen Medizinstudenten aufgenommen wird: Die meisten Erkrankungen gehen von Störungen des Flüssigkeitsgleichgewichtes in unseren Geweben aus, und an der Erhaltung dieses Gleichgewichtes ist unser Lymphgefäßsystem maßgeblich beteiligt.